
Route 14.10.2008
REISE IN DAS INNERE NORD-AMERICA IN DEN JAHREN 1832 BIS 1834
MAXIMILIAN PRINZ ZU WIED (Originaltext)
Am 14. October war das Wetter angenehm, und heller Sonnenschein erfreute uns wieder. Der Fluss hatte bedeutend an Breite zugenommen. Wir erreichten früh Six-Miles-Island, eine schöne Insel, von welcher man bis Louisville nur 6 Meilen rechnet. Während der Nacht hatte man die Orte New-York, Fredericsburg, Gent, Vevay, mit seinen weinbauenden Waadtländern, Port William an der Mündung des Kentucky River, Madison, New-London, Bethlehem und West-Port vorbei geschifft, so wie den wohlbekannten Big-Bone-Lick, wo man am Fusse eines Hügels von schwarzer Erde die kolossalen Knochen des sogenannten Mammut (Mastodon Cuv.) ausgegraben hat. Gern würde ich an dieser Stelle verweilt haben, allein der Gegend vollkommen kundige Passagiere des Schiffes versicherten, es sey nichts mehr daselbst zu sehen, man finde auch nichts mehr daselbst, und die gefundenen Gegenstände seyen sämtlich nach England und an die amerikanischen Museen verkauft worden.

Karl Bodmer - View on the Ohio 1832

Ulrich Schmotz - View on the Ohio 2008
Noch immer findet man zuweilen fossile Thier-Knochen in den Vereinigten Staaten, allein die Besitzer, welche nun den Werth dieser Gegenstände kennen gelernt haben, setzen einen so hohen Preis darauf, dass man sie schwer erhalten kann, auch werden sie aus Patriotismus häufig an die americanischen Museen geschenkt.

U.S. Mail packet
Von Jeffersonville erreichten wir bald Louisville, eine ansehnliche Stadt von 12,000 Einwohnern, die im Jahr 1800 nicht mehr als 600 Einwohner zählte. Sie liegt im Staat Kentucky und nimmt sich, vom Flusse gesehen, lange nicht so gut aus, als Cincinnati. Neger besorgten den Transport des Gepäcks nach dem Gasthofe, in welchem wir wie gewöhnlich eine grosse Versammlung von Gentlemen (hier meist reisende Kaufleute) fanden. Die Kaufleute bilden in Amerika diejenige Kaste des Volkes, in welcher wohl der meiste Müssiggang gefunden wird, und sie ist ausserordentlich zahlreich. Die am wenigsten zahlreichen Kasten sind die Gelehrten und die Soldaten, besonders die letzteren von so geringer Anzahl, dass man sie durchaus nicht bemerkt. Die jungen Leute, welche in Nord-America alle Thüren der Gasthöfe belagern, gehören ohne Zweifel meistens zu den Kaufleuten. Fremde werden von diesen gewöhnlich ebenso eingebildeten als ungebildeten Menschen öfters mit Geringschätzung behandelt, und man macht schon Anmerkungen, sobald man nur den Ausländer entdeckt, der sich durch eine etwas fremdartige Aussprache des Englischen oder durch seinen Anzug verräth. Ein Theil dieses americanischen Dünkels ist, wie schon gesagt, auf Rechnung des überaus grossen Patriotismus zu setzen, ein anderer Theil entspringt aus der Unwissenheit und Unbekanntschaft mit anderen Ländern.

Karl Bodmer - Gentlemen at Louisville
Als der Mittag kam, hatten sich die Gentlemen in einem solchen Grade vor dem Haus angehäuft, dass bei dem sogenannten Second-Bell (dem zweiten Rufe der Essglocke) ein wahrer Sturm-Angriff auf den Essaal entstand. Alles drängte sich ungestüm ein, ein jeder suchte seine Ellenbogen zu gebrauchen, und in nicht viel mehr als 10 Minuten eilten eben diese Menschen gesättigt schon wieder vom Tische fort. Ein deutscher Kaufmann, Herr Wenzel, an welchen ich empfohlen war, hatte die Güte uns die Stadt und ihre Umgebungen zu zeigen. Bei ihrer Anlage und jetzigen Ausdehnung verspricht Louisville in kurzer Zeit sehr bedeutend zu werden, und man baute wirklich sehr stark. Die langen Strassen sind breit und gerade, durchschneiden sich rechtwinkelig, und die Lage am Ohio ist für den Handel sehr günstig. Läden und glänzende Waaren-Ausstellungen fehlen hier so wenig wie in allen Städten der Vereinigten Staaten, und Eleganz in der Kleidung characterisirt überall, selbst in den kleinsten Oertern, die Bewohner dieses Landes, deren grösstes Bestreben Gelderwerb ist. Da es Sonntag war, so strömten die mancherlei Secten der Bevölkerung nach ihren verschiedenen Bethäusern, später sah man viele in ihren leichten Cabriolets (Gigs) spazieren fahren. Schon gab es hier über 30 Miethwagen, die zum Theil Negern angehörten, von welchen in diesem Staate, Kentucky, nur bei weitem der kleinere Theil frei ist. Die Negersclaven in Nord-America tragen übrigens dieselben sonderbaren Kostüme wie in Brasilien, da sie sich mit allen Arten alter Kleidungsstücke behelfen müssen, und das Clima sie zwingt, sich wärmer zu kleiden. Die unterdrückte Lage, in welcher sie leben, macht sie hier ebenfalls schlecht und abgefeimt, wovon die Reisenden oft die Erfahrung zu manchen Gelegenheit finden. Auch zu Louisville war die Cholera schon ausgebrochen. Am Tage vor unserer Ankunft waren fünf Menschen, meist Neger, von ihr weggerafft worden. Ein bedeutender Schreck hatte die Bevölkerung ergriffen, man drängte sich in die jetzt thätigen Apotheken, und grosse Pechpflaster wurden überall auf die Mägen appliciert. Die Apotheker hatten bei diesem Heranrücken der Cholera den grössten Vortheil, denn Magenpflaster, Pfeffermünz und Kampfer-Tropfen wurden unaufhörlich verlangt; gerade wie bei uns
Reise in das innere Nordamerika in den Jahren 2008 und 2009
Ulrich Schmotz
Impressionen
Dienstag, 14.10.2008
Ein Prediger im Fernsehen sagte heute Morgen: Ihr fragt uns was ihr wählen sollt und wir sagen euch, wählt die, die die Bibel im Herzen haben.

Rising Sun. Hotel The Courtyard.
78 Grad Fahrenheit, leicht bewölkter Himmel. Patriot.

Patriot
Das erste Kohlekraftwerk für heute mit einem gewaltigen Schornstein und viel Dampf auf der Kentucky Seite.
Welcome to Switzerland County.

Switzerland County
Das Tal ist groß und weit, die Hügel flach. Links auf dem Ohio River schippern Kohlenboote mit Schlepper, rechts sind Sand-Abbaugebiete. Der Ohio River wirkt hier breit wie ein See.
Blätter wehen über die frisch asphaltierte Straße. Die Straße führt durch die Hügellandschaft des Ohio River, Bodenwellen lassen uns beim hoch und runterfahren aufjuchzen. Die landwirtschaftlichen Flächen zu beiden Seiten der Straße sind abgeerntet. Zur Linken an der Concord Road steht einsam die Concorde Community Church.
Die Zikaden zirpen bei diesen sommerlichen Temperaturen als wenn es kein Morgen mehr gibt. Es fällt auf, das dort, wo durch die Industrieunternehmen Geld in die Kassen der Kommunen fließt, die Ortschaften sauberer, aber auch steriler sind als anderswo. Die Straßen sind alle in einem Top Zustand. Entlang der Route 42 stehen einige dieser Industrieanlagen: Kentucky Utilities Company oder North America Stainless. Diese Anlagen ziehen sich über mehrere Meilen hin. So etwas kannte ich bisher nur aus Deutschland von Bayer aus Leverkusen oder aus der Schweiz von den Chemieunternehmen Ciba-Geigy, Sandoz oder Hoffman-La Roche.

Kohlekraftwerk

Schornsteine eines Kraftwerks

Dampf
Bis vor kurzem war ich noch der festen Überzeugung, dass mit jeder Meile Richtung Westen die Industrialisierung der Landschaft abnimmt. Weit gefehlt, es ist eigentlich umgekehrt, die Industrieansiedlungen nehmen zu, im Moment fahren wir zum Beispiel am Chemieunternehmen Dow Corning, Carrolton Site, vorbei.
Vevay ist der Hauptort von Switzerland Countyund hat ungefähr 1800 Einwohner. Die Menschen leben vom Wein- und Tabakanbau. 79 Grad Fahrenheit. Inzwischen bekommen wir keinen vernünftigen Radiosender mehr eingestellt, nur noch Christliche- oder Country-Musik-Sender.

Vevay
Die Amerikaner sagen nicht to drive sondern to ride. Auf dieser Straße hat man auch tatsächlich das Gefühl, über die sanften Hügel wie beim Wellenreiten zu reiten. Schönes, langsames Fahren, kein Verkehr, ganz selten mal ein Auto. Zu unserer Rechten Wald, Wald, Wald, ohne Ende Wald. Die Route 421 führt uns nun weit hinauf zum Gipfel einer Hügellandschaft. Die Farmer bringen gerade die Heuernte ein.

Farm
Die 625 führt uns durch eine friedliche Spießeridylle, eine Frau sitzt auf der Terrasse und liest Zeitung. Links eine Herde pechschwarzer Kühe. Ein Bulle tummelt sich in einem Wassertümpel. McCain-Palin Wahlplakate. Vor uns Rauchschwaden, und da ist es ja auch schon, das nächste Kraftwerk. Wieder ein Riesenklotz. EON USA. Gewaltige Kohlehalden. Die Parkplätze sind randvoll. Hier sind eine Menge Menschen damit beschäftigt, die geförderte Kohle in Energie umzuwandeln. Hinter dem großen Umspannwerk liegen die Wasserbassins des Kraftwerks. Kurz hinter dem Kohlekraftwerk erreichen wir Wises Landing.
Die Kirche des Ortes steht einsam hinter der Industrieanlage, rechts davon befinden sich Tabakfelder. Mehr und mehr Blätter liegen inzwischen auf der Straße. Hier sind sie auch nicht bunt, sondern braun. Tabakpflanzen hängen in alten Schuppen. Wir verlassen die Wises Landing Road und parken in der Nähe einer ehemaligen Badeanstalt oder etwas ähnlichem. Hier ist es sehr, sehr einsam. Vorbei an einem verdreckten Bassin, es nicht mehr klar zu sagen, ob ein Klär- oder Schwimmbecken, besteigen wir einen wackligen Aussichtsturm, oder war es mal ein Sprungturm? Die gesamte Anlage ist komplett verfallen. Wir sehen auch überwucherte Tennisplätze, damit ist klar, dass das hier früher ein Schwimmbad mit Sportanlangen war.

Sprungturm
Da ab hier keine Straße mehr direkt am Ohio River entlang führt, fahren wir durch ein Tal einige Meilen ins Landesinnere. Slow – Children At Play. Hier wohnen viele Menschen in Wohnmobilhäusern. Einige der Talbewohner haben sich richtiggehend eingemüllt.
Teilweise sieht es aus wie auf einer Müllkippe. Mitten in dieser Einsamkeit ein Schild: War is not the answer. Immer wieder sehen wir Kühe stoisch auf den Wiesen in irgendwelchen Tümpeln stehen. Die Landschaft wirkt idyllisch, trotz oder vielleicht auch wegen der ausgetrockneten Bäche und Flüsse. Wo noch Wasser im Bachbett ist, wimmelt es von Fischen.

Ausgetrocknetes Flussbett
Auf der Straße liegt eine überfahrene schwarze Schlange, die immer noch gefährlich aussieht.

Übergefahrene Schlange
Es wird Pferdezucht und Landwirtschaft betrieben.
Man wählt konservativ: McCain. Rechts Kleefelder, das Futter für die Tiere, links abgeerntete Maisfelder. Eine kleine Frau holt mit einem Riesenauto die Post aus ihrem Briefkasten. 3.29 Uhr. 78 Grad Fahrenheit, 24 Meilen bis Louisville. Pferdekoppel folgt auf Pferdekoppel. Die Farmhäuser werden größer, teilweise ähneln sie herrschaftlichen Gebäuden. North Oldham High School, Middle School, Elementary School. Die Schule ist zu Ende, die meisten Kinder werden von ihren Müttern abgeholt. Der Rest wird mit den gelben Schulbussen nach Hause gebracht. Das System funktioniert perfekt. Polizisten winken die Autos und Busse raus, es sieht genauso so aus wie in amerikanischen Filmen. Ich mag diese Gegend nicht besonders. Der Landschaft wurde das Wilde genommen. City of Prospekt, Kentucky.
Entlang der 42 gibt es ganz viele Resorts, also abgeschottete, bewachte Wohnviertel, in denen Menschen leben, die Angst haben. Angst um ihr Geld, Angst mit anderen zu teilen, Angst vor anderen Menschen, Angst vor Gewalt, Angst vor Angst. In diesen Wohlstandsghettos suchen sie ihren Frieden.
Ein Waschbär liegt zerfetzt auf der Straße. Eine künstliche Seelandschaft wirkt etwas lächerlich, dahinter stehen Paläste, im wahrsten Sinne des Wortes. Rechts der Ohio, links Villen wie an der Elbchaussee in Hamburg, wobei hier die Grundstücke noch größer sind. Drei Brücken verbinden Louisville, Kentucky mit Jeffersonville, Indiana. Wir fahren am Louisville Slugger Field Baseball Stadium vorbei bis zur Main Street. Dann halten wir uns südlich, bis wir unser Quartier in der 1213 South First Street im Viertel Old Louisville erreichen: The Aleksander House Bed and Breakfast.

Aleksander House Bed and Breakfast, Old Louisville
Louisville hat um die 700.000 Einwohner, und soll eine der sichersten Städte der USA sein. Die Stadt liegt im Herzen der Vereinigten Staaten, ist aus diesem Grund einer der beliebtesten Umschlagplätze des Landes und daher wirtschaftlich gut gestellt. Am bekanntesten ist allerdings das Kentucky Derby, das populärste Pferderennen Amerikas. Der berühmteste Bürger der Stadt ist Muhammad Ali.
In Wikipedia wird Old Louisville folgendermaßen beschrieben: Louisville verfügt neben seinem modernen Stadtkern, der einer typischen amerikanischen Innenstadt entspricht, über mehrere Stadtteile mit alten Bauten und damit insgesamt über den größten Bestand an viktorianischen Villen außerhalb Englands. Wir sehen prachtvolle, schöne Häuser, viele sind unbewohnt, zugenagelt oder es stehen Verkaufs-Schilder im Vorgarten.